Amazon mischt die Verlagsbranche auf
Die Buchmesse in Frankfurt zieht ab heute Autoren, Leser, Verleger und Händler aus aller Welt an. Der größte Buchmarkt der Welt sind die USA, dort werden die Trends gesetzt - vor allem bei den Verbreitungsformen.
Die Verlagsszene in den USA wird derzeit aufgemischt vom Versandhändler Amazon, der inzwischen den klassischen Verlagen Konkurrenz macht. Ein Blick auf eine Branche im Umbruch - von Wolfgang Stuflesser, ARD-Hörfunkkorrespondent Los Angeles.
"Groschenromane" hätte man früher wohl die Vampirliebesgeschichten von Tina Folsom genannt. Mancher Verlagslektor würde so ein Manuskript wohl mit spitzen Fingern zur Seite legen. Doch Tina Folsom, die gebürtige Bayerin mit Wohnsitz in San Francisco, braucht keinen Verlag, sie veröffentlicht elektronisch, beim Internet-Riesen Amazon. Mehr als eine Million Dollar, umgerechnet fast 770.000 Euro, hat sie mit den Downloads ihrer Bücher verdient. Ohne Papier, ohne Verlag, ohne Lektor. "Ich höre auf meine Leser, nicht auf irgendeinen Redakteur, der sagt, wir müssen das Buch anders schreiben", sagt sie über ihre Art des Publizierens.
Selbstverlegte Bücher sind nur eins der Mittel, mit denen Amazon derzeit die klassischen Verlage das Fürchten lehrt. Längst ist der einstige Versandhändler selbst auch Verlag. Doch statt teure Lektoren auf die Suche nach neuen Stoffen zu schicken, schaut Amazon einfach, welche selbstverlegten Titel sich am besten verkaufen, und bringt sie zusätzlich auf Papier raus. Oder wirbt erfolgreiche Autoren anderer Verlage ab, mit höheren Honoraren.
Verantwortlich für diese Strategie ist Russ Grandinetti. Der Amazon-Manager sieht die Existenz der klassischen Verlage nicht in Gefahr – dies sei einfach eine gute Zeit für Autoren, sagt er, "denn Autoren können ihren Verbreitungsweg auswählen. Auf Papier oder elektronisch: Die Verlage können Autoren dabei beraten, wie sie in der Vielzahl der Veröffentlichungen am besten ihr Publikum finden. Das ist ein enormer Service, den die Verlage anbieten können. Es wird sie noch eine ganze Weile geben."
Doch gerade bei elektronischen Büchern dominiert Amazon den größten Buchmarkt der Welt in den USA mit 60 Prozent Marktanteil. Das liegt auch am hauseigenen Lesegerät. Die Preise für den Kindle beginnen bei umgerechnet gerade mal etwas mehr als 50 Euro, so viel wie vielleicht drei gebundene Papierbücher. Ein Kampfpreis, das gibt auch Amazon-Chef Jeff Bezos zu: "Wir wollen damit Geld verdienen, wenn die Leute unsere Produkte benutzen, nicht wenn sie sie kaufen." Will sagen: Die Kasse klingelt, wenn die Kunden mit ihrem Kindle elektronische Bücher, aber auch Musik oder Videos kaufen - natürlich bei Amazon.
In den USA machen elektronische Bücher bereits 15 Prozent des Umsatzes aus, bei der Belletristik sogar 30 Prozent. Trotzdem will Amazon-Mann Grandinetti für Papierbücher noch nicht die Totenglocke läuten. "Der schöne Bildband auf Ihrem Couchtisch, der hat schon seinen Zweck. Und manche Bücher dienen als Andenken an den Autor. Aber wir sehen, dass elektronische Bücher auch in Deutschland zunehmend angenommen werden, und wir glauben, dass es mit der Zeit die vorherrschende Art sein wird, zu lesen."
Für Tina Folsom, die Autorin im Selbstverlag, sind gedruckte Bücher nur noch ein Nebenprodukt, zum Beispiel für den deutschen Markt. Geld macht sie vor allem mit den Downloads. Und da hat ihre neueste Vampirgeschichte gerade auf Anhieb den Sprung in die Top Ten der Liebesromane geschafft.